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Allgemein11. März 2026FWVS Redaktion9 Min. Lesezeit

Digitalisierung Feuerwehr 2025: Stand, Hürden und nächste Schritte

Digitalisierung Feuerwehr: BOS-Digitalfunk läuft, Verwaltung hinkt hinterher. Fakten, Zahlen und konkrete Schritte für eure Wehr.

Digitalisierung Feuerwehr: Wo stehen wir wirklich?

Wärmebildkamera? Klar. Digitalfunk? Läuft seit 2022 bundesweit. GPS im Einsatzfahrzeug? Längst Standard. Aber wenn es darum geht, die Mitgliederliste zu aktualisieren, holt der Schriftführer eine Excel-Tabelle von 2019 hervor. Und der Einsatzbericht? Wird handschriftlich ausgefüllt auf einem Formular, das seit der Jahrtausendwende nicht mehr überarbeitet wurde.

Das ist die Realität der Digitalisierung bei der Feuerwehr: Auf der Einsatzseite längst im 21. Jahrhundert angekommen, in der Verwaltung oft noch analog. Dabei liegen gerade dort die größten Effizienzpotenziale.

Auf einen Blick

  • Laut Deutschem Feuerwehrverband (DFV) sind über 1 Million Menschen in 23.760 Freiwilligen Feuerwehren aktiv (Stand: 31.12.2023).
  • Der BOS-Digitalfunk ist seit 2022 flächendeckend in Betrieb, mit über 4.700 Basisstationen und rund 1,1 Millionen Nutzern.
  • Das Förderprogramm "Ehrenamt digitalisiert" der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt unterstützt Feuerwehren beim digitalen Verwaltungsaufbau, verlängert bis Ende 2026.
  • In der Verwaltung, Dienstplanung und Kommunikation besteht der größte Nachholbedarf.

Zwei Geschwindigkeiten: Ein kurzer Blick auf den Status quo

Über 1.028.021 aktive Mitglieder engagieren sich laut DFV in den 23.760 Freiwilligen Feuerwehren Deutschlands (Stand: 31.12.2023, DFV-Statistik). Diese Ehrenamtlichen bewältigten 2023 allein 286.622 Brände und Explosionen sowie 797.626 technische Hilfeleistungen. Bei diesem Volumen machen Verwaltungsdefizite einen echten Unterschied.

Was fehlt, ist keine Motivation, sondern ein zweites Digitalisierungstempo für die Verwaltungsseite.

Was bereits digital funktioniert

BOS-Digitalfunk (TETRA): Das wichtigste Digitalisierungsprojekt im Feuerwehrbereich ist abgeschlossen. Seit 2022 ist das BOS-Digitalfunknetz bundesweit in Betrieb. Über 4.700 Basisstationen versorgen nach Angaben der BDBOS (Bundesanstalt für den Digitalfunk der BOS) 99,2 Prozent der Bundesfläche. Stand März 2023 nutzen rund 1,1 Millionen Einsatzkräfte das Netz, darunter Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf etwa 12 Milliarden Euro. (Wikipedia: Digitalfunk BOS)

Weitere Bereiche, die bereits digital laufen:

  • Digitale Alarmierung über Funkmeldeempfänger und Alarmierungs-Apps, vielerorts parallel betrieben
  • GPS-Navigation in den meisten Einsatzfahrzeugen
  • Digitale Einsatzleitsysteme in nahezu allen Leitstellen

Was oft noch analog läuft

Die andere Seite des Bildes ist weniger vorzeigbar:

  • Mitgliederverwaltung in Excel, Karteikarten oder Access-Datenbanken aus den 2000er Jahren
  • Einsatzdokumentation auf Papierformularen oder in Word-Dokumenten
  • Dienstplanung per Aushang im Gerätehaus und Telefonkette
  • Geräteprüfung mit handschriftlichen Protokollen
  • Kommunikation über private WhatsApp-Gruppen, die datenschutzrechtlich problematisch sind

Das Problem ist nicht, dass diese Methoden nicht irgendwie funktionieren. Das Problem ist, dass sie repetitive Arbeit produzieren, die ehrenamtliche Zeit frisst.


Wo liegen die größten Potenziale?

BereichHeute häufigDigitales ZielVorteil
VerwaltungExcel-Listen, PapierordnerCloud-basierte FeuerwehrsoftwareWeniger Doppelarbeit, automatische Fristen
EinsatzPapier-EinsatzberichtDigitale EinsatzdokumentationRechtssicher, auswertbar
AusbildungAushang, TelefonketteOnline-Planung, Hybrid-LernenFlexibel, höhere Teilnahme
KommunikationPrivate WhatsAppDSGVO-konformer MessengerDatenschutz, klare Struktur

Verwaltung: Das größte Potenzial

Laut einer Anfrage im Niedersächsischen Landtag arbeiten viele Feuerwehren noch ohne einheitliche Verwaltungssoftware, obwohl Länder wie Niedersachsen den Bedarf nach einer gemeinsamen Lösung bereits erkannt haben. Die Verwaltung ist der Bereich mit dem größten Hebel, weil hier die meiste wiederkehrende Arbeit anfällt: Mitgliederstammdaten pflegen, Qualifikationen verfolgen, Lehrgangsanmeldungen koordinieren, Geräteprüfungen überwachen.

Eine digitale Feuerwehrverwaltung bündelt diese Aufgaben an einem Ort und löst dutzende Einzeldateien ab:

  • Mitgliederverwaltung mit Dienstgraden, Qualifikationen und automatischen Ablauferinnerungen (Details)
  • Strukturierte Einsatzdokumentation statt Papierformulare (Details)
  • Digitale Dienstplanung mit Zu- und Absagen
  • Automatische Überwachung von Geräteprüffristen

Einsatz: Schon auf gutem Weg

Im Einsatzbereich geht die Entwicklung weiter. Einsatz-Tablets mit Gefahrstoffdatenbanken und Hydrantenlageplänen sind in vielen Wehren im Alltag angekommen. Drohnen zur Glutnestsuche und Lageerkundung verbreiten sich. Das BBK-Magazin 4/2025 dokumentiert den aktuellen Stand des digitalen Lagebilds von Bund und Ländern als eines der drängenden Entwicklungsfelder im Bevölkerungsschutz.

Ausbildung: Hybrid funktioniert

Die Praxis hat gezeigt, dass theoretische Ausbildungsinhalte wie Fahrzeugkunde, Gefahrgut und Unfallverhütungsvorschriften gut digital vermittelt werden können. Blended Learning, also Theorie online und Praxis vor Ort, spart Anfahrtswege und erhöht die Flexibilität für Ehrenamtliche mit wechselnden Arbeitszeiten.

Kommunikation: Der heikle Bereich

Ehrlich gesagt nutzen die meisten Feuerwehren WhatsApp für die interne Abstimmung. Praktisch, aber problematisch. Private Messenger-Dienste speichern Kontaktdaten auf Servern außerhalb der EU und verstoßen damit gegen die DSGVO, wenn sie für dienstliche Kommunikation mit Mitgliederdaten genutzt werden. Zertifizierte Alternativen wie integrierte App-Kommunikation oder DSGVO-konforme Messenger lösen das Problem strukturell.


Was bremst die Digitalisierung?

Wenn die Vorteile so offensichtlich sind, warum haben dann nicht längst alle Feuerwehren umgestellt? Es gibt reale Hürden.

1. Finanzierung und Fördermittel

Viele Gemeinden betrachten Softwarekosten als freiwillige Ausgabe. Dabei ist Fördergeld verfügbar. Das Programm "Ehrenamt digitalisiert" der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt unterstützt Freiwillige Feuerwehren beim Aufbau digitaler Infrastruktur. Das Sonderförderprogramm für BOS-Digitalfunk-Endgeräte wurde laut Regierung Oberbayern zuletzt am 10. Dezember 2024 verlängert und läuft bis 31. Dezember 2026.

2. Gewohnheit schlägt Argument

"Das haben wir schon immer so gemacht" ist kein schlechtes Argument, sondern ein menschliches. Die Lösung ist nicht, Digitalisierung zu verordnen, sondern den konkreten Entlastungseffekt sichtbar zu machen. Wenn der erfahrenste Kamerad seinen Lehrgangsnachweis mit zwei Klicks findet, statt zwanzig Minuten im Ordner zu blättern, ändert sich die Meinung oft schnell.

3. Datenschutz wird falsch verstanden

Ironischerweise verhindern Datenschutzbedenken manchmal den Umstieg auf Software, die den Datenschutz besser gewährleistet als die bisherige Lösung. Eine Feuerwehrsoftware mit rollenbasiertem Zugriff und Serverstandort in Deutschland erfüllt die DSGVO-Anforderungen deutlich zuverlässiger als eine Excel-Datei auf einem USB-Stick, den jeder kennt. Mehr dazu im DSGVO-Leitfaden für Feuerwehren.

4. Infrastruktur im ländlichen Raum

Nicht jedes Gerätehaus hat schnelles Internet. Cloud-Lösungen funktionieren aber auch über mobiles Datenvolumen, und gute Feuerwehrsoftware bietet offline-fähige Funktionen für Funklöcher im Einsatz.

5. Fehlende Standards zwischen Bundesländern

Es gibt keinen bundesweit einheitlichen Standard für Feuerwehrsoftware. Jedes Bundesland und jeder Landkreis hat eigene Formularvorlagen und Berichtsanforderungen. Das Innenministerium Niedersachsen hat den Bedarf einer einheitlichen Lösung im Landtag explizit anerkannt. Bis dahin müssen flexible Softwarelösungen die regionale Vielfalt abbilden.


Praxisbeispiele: So sieht Digitalisierung im Alltag aus

Beispiel 1: Mittlere FF mit 60 Mitgliedern

Ausgangslage: Mitgliederverwaltung in Excel, Einsatzberichte auf Papier, Dienstplanung per Aushang und WhatsApp.

Umstellung: Einführung einer Cloud-basierten Feuerwehrsoftware für Mitglieder, Einsätze und Dienstplanung.

Was sich nach 6 Monaten geändert hat:

  • Deutlich weniger Verwaltungsaufwand für den Schriftführer
  • Kein Versionschaos mehr bei Excel-Dateien
  • Automatische Erinnerungen an ablaufende G26-Untersuchungen und Führerscheinfristen
  • Erster Jahresbericht per Knopfdruck
  • Höhere Übungsteilnahme durch digitale Einladungen mit Zu- und Absage-Funktion

Beispiel 2: Große Wehr mit JF und KF

Ausgangslage: Drei getrennte Verwaltungen für FF, Jugendfeuerwehr und Kinderfeuerwehr mit jeweils eigenen Excel-Dateien. Keine Gesamtübersicht. Einverständniserklärungen auf Papier.

Umstellung: Gemeinsame Software mit bereichsspezifischen Zugriffsrechten.

Was sich verändert hat:

  • Ein System für alle Abteilungen, erstmals ein echter Gesamtüberblick
  • Automatische Dokumentation beim Übergang von der Kinder- in die Jugendfeuerwehr
  • Digitale Einverständniserklärungen (mehr dazu: Excel, Zettel oder Software?)
  • Gesamtstatistik für den Jahresbericht auf Knopfdruck

Checkliste: Ist eure Feuerwehr bereit?

Infrastruktur

  • Internetzugang im Gerätehaus vorhanden (WLAN oder mobil)
  • Mindestens ein PC oder Tablet für die Verwaltung vorhanden
  • Führungskräfte haben Smartphone oder Tablet

Organisation

  • Verantwortlicher für die digitale Verwaltung benannt
  • Budget für Softwarelizenzen im Gemeindehaushalt eingeplant
  • Führungskräfte sind offen für Veränderungen

Daten

  • Aktuelle Mitgliederliste liegt vor (egal in welchem Format)
  • Lehrgangsnachweise sind gesammelt und zugeordnet
  • Einsatzberichte der letzten Jahre sind archiviert

Datenschutz

  • Grundkenntnisse DSGVO bei Führungskräften vorhanden
  • Einverständniserklärungen für die Datenverarbeitung liegen vor
  • Bewusstsein, dass WhatsApp keine DSGVO-konforme Lösung ist

Bereitschaft

  • Führungskräfte sehen den konkreten Mehrwert
  • Mannschaft ist bereit, neue Tools zu nutzen
  • Gemeinde oder Stadt unterstützt die Umstellung

Auswertung: Wer mindestens 10 von 15 Punkten abhaken kann, ist bereit für den nächsten Schritt. Weniger als 7 Punkte bedeuten: Grundlagen zuerst. Aber das ist kein Grund, nicht anzufangen. Jeder erledigte Punkt zählt.


Wohin entwickelt sich die Digitalisierung?

Die aktuelle Infrastruktur schafft die Grundlage für weitere Schritte. Das BOS-Netz, seit 2022 flächendeckend in Betrieb, wird laut BDBOS schrittweise modernisiert: Die veralteten E1-Leitungen der Basisstationen werden auf IP-Verbindungen über Glasfaser umgestellt. Parallel arbeiten Bund und Länder laut BBK-Magazin 4/2025 an einem einheitlichen digitalen Lagebild.

Was kommt darüber hinaus?

KI in Leitstellen: Automatische Sprachübersetzung und Priorisierung bei der Notrufannahme sind in einigen Leitstellen bereits im Pilotbetrieb. Das BBK hat auf seinem zweiten Fachkongress "Forschung für den Bevölkerungsschutz" im Jahr 2025 genau diese Technologien als Forschungsschwerpunkt benannt.

Drohnen mit Bilderkennung: Automatische Glutnesterkennung und Personensuche per Drohne sind in immer mehr Wehren einsatzbereit.

Digitale Einsatzplanung: Virtuelle Gebäudepläne für die Anfahrt und 3D-Lagekarten setzen voraus, dass Einsatzdaten überhaupt digital vorliegen. Wer heute noch papierbasiert arbeitet, kann diese Entwicklungen nicht nutzen.

Die Grundlage ist immer dieselbe: eine solide digitale Infrastruktur in der Verwaltung. Wer dort heute noch analog arbeitet, schließt sich morgen von den nächsten Entwicklungsstufen aus.


Häufige Fragen

Wie weit ist die Digitalisierung der Feuerwehr in Deutschland?

Beim Einsatzfunk ist sie weit fortgeschritten: Der BOS-Digitalfunk ist seit 2022 bundesweit in Betrieb und versorgt rund 99 Prozent der Bundesfläche. In der Verwaltung dagegen arbeiten viele Freiwillige Feuerwehren noch mit Papier und Excel, hier liegt das größte Nachholpotenzial.

Gibt es Fördermittel für die Digitalisierung der Feuerwehr?

Ja. Programme wie "Ehrenamt digitalisiert" der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt unterstützen den Aufbau digitaler Infrastruktur, daneben gibt es Landesförderungen, etwa für BOS-Digitalfunk-Endgeräte. Da sich Programme und Fristen ändern, sollte man die aktuellen Konditionen bei Land und Kommune erfragen.

Lohnt sich Digitalisierung auch für kleine Feuerwehren?

Gerade dort. Kleine Wehren haben selten hauptamtliche Verwaltung, jede eingesparte Stunde Bürokratie fällt also unmittelbar ins Gewicht. Moderne Verwaltungssoftware ist webbasiert und erfordert weder eigene Server noch IT-Personal.

Fazit

Digitalisierung in der Feuerwehr ist kein Trend, dem man hinterherlaufen muss. Sie dient einem konkreten Ziel: weniger Bürokratie, mehr Zeit für Ausbildung und Einsatz.

Über 1 Million ehrenamtliche Feuerwehrkräfte in Deutschland leisten jedes Jahr Millionen von Einsatzstunden. Jede Stunde, die stattdessen in überflüssige Verwaltungsarbeit fließt, fehlt an anderer Stelle. Der BOS-Digitalfunk hat gezeigt, dass auch große Infrastrukturprojekte im Feuerwehrbereich gelingen können. Für die Verwaltungsdigitalisierung braucht es keinen Milliardenaufwand, sondern die richtige Software und den Willen, loszulegen.

Fangt dort an, wo der Schmerz am größten ist. Bei den meisten Wehren ist das die Verwaltung: Mitglieder, Einsätze, Dienstplanung.

Der erste Schritt ist einfacher als ihr denkt.

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