Frauen in der Feuerwehr: Zahlen, Hürden und was Wehren konkret tun können
In der Kinderfeuerwehr ist fast jedes vierte bis dritte Kind ein Mädchen. In der Jugendfeuerwehr liegt der Mädchenanteil bei rund 31 Prozent. Und in der Einsatzabteilung der Freiwilligen Feuerwehr? Dort sind es keine 12 Prozent mehr. Irgendwo auf dem Weg vom Übungsdienst der Jugendfeuerwehr zum Piepser gehen der Feuerwehr die Frauen verloren.
Das ist kein Naturgesetz, sondern ein Organisationsproblem. Und Organisationsprobleme lassen sich anpacken. Dieser Artikel sortiert die aktuellen Zahlen, benennt die typischen Hürden ehrlich und liefert zehn Maßnahmen, die eine Wehrführung ohne großes Budget umsetzen kann.
Die Zahlen: Wo Frauen in der Feuerwehr stehen
Die vollständigste Bundesstatistik veröffentlicht der Deutsche Feuerwehrverband (DFV). Den Frauenanteil weist die frei zugängliche DFV-Statistik zum Stand 31.12.2022 aus, die Nachwuchszahlen meldet die Deutsche Jugendfeuerwehr (DJF) zum Stand 31.12.2025:
| Bereich | Frauen/Mädchen | Anteil | Stand |
|---|---|---|---|
| Kindergruppen (KF) | 40.431 von 105.678 | rund 38 % | 31.12.2025 (DJF) |
| Jugendfeuerwehr | 86.034 von 274.763 | rund 31 % | 31.12.2025 (DJF) |
| Freiwillige Feuerwehr (Einsatzabteilung) | 122.624 | 11,93 % | 31.12.2022 (DFV) |
| Berufsfeuerwehr | 1.193 | 3,0 % | 31.12.2022 (DFV) |
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Der Nachwuchs ist längst weiblich geprägt — mehr als jedes dritte Kind in den Kindergruppen ist ein Mädchen. Zweitens: Der Frauenanteil sinkt mit jeder Stufe. Von 38 Prozent in der Kinderfeuerwehr über 31 Prozent in der Jugendfeuerwehr auf unter 12 Prozent in der Einsatzabteilung. Eine ausführliche Einordnung aller Mitglieder- und Einsatzzahlen findet ihr in unserem Artikel Feuerwehr-Statistiken Deutschland.
Der Knick beim Übergang in die Einsatzabteilung
Der größte Verlust passiert dort, wo aus Jugendarbeit Einsatzdienst wird: beim Übergang von der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung. Ausbildung, Berufseinstieg und Umzug treffen alle jungen Mitglieder — aber junge Frauen brechen in dieser Phase deutlich häufiger weg als junge Männer, sonst würde der Anteil nicht von 31 auf 12 Prozent fallen.
Wer den Frauenanteil in der Einsatzabteilung erhöhen will, muss also nicht bei null anfangen. Die Mädchen sind schon da. Die Frage ist, warum sie nicht bleiben.
Warum sich das Thema für jede Wehr lohnt
Man kann über Gleichstellung diskutieren, man kann aber auch schlicht rechnen. Die Freiwilligen Feuerwehren kämpfen vielerorts mit der Tagesverfügbarkeit und ringen um jedes einsatzfähige Mitglied — Strategien dazu haben wir im Artikel Nachwuchsgewinnung gesammelt. Eine Wehr, die die Hälfte der Bevölkerung strukturell schlechter erreicht, verzichtet freiwillig auf die Hälfte ihres Potenzials.
Dazu kommt: Gemischte Teams verändern den Ton in der Fahrzeughalle, oft zum Besseren. Und für Mädchen in der eigenen Jugendfeuerwehr ist jede aktive Feuerwehrfrau ein sichtbarer Beweis, dass der Weg in die Einsatzabteilung normal ist.
Was Frauen tatsächlich bremst
Der DFV hat dafür einen eigenen Fachbereich Frauen eingerichtet, der Empfehlungen erarbeitet und Frauensprecherinnen aus den Landesverbänden vernetzt — allein die Existenz dieses Gremiums zeigt, dass der Verband hier strukturellen Handlungsbedarf sieht. Die typischen Hürden, die dort und im Netzwerk Feuerwehrfrauen immer wieder benannt werden:
Kultur und Ton
Sprüche, die „schon immer so waren", wirken auf neue Kameradinnen anders als auf die Stammbesatzung. 2025 hat der DFV-Fachbereich eine Fachempfehlung zur Prävention sexualisierter Diskriminierung, Belästigung und Gewalt veröffentlicht — ein deutliches Signal, dass das Thema nicht theoretisch ist. Eine Wehrführung, die hier klare Kante zeigt, verliert keine guten Leute. Sie behält sie.
Ausstattung und Infrastruktur
Persönliche Schutzausrüstung in passenden Größen, getrennte Umkleiden oder zumindest praktikable Umkleide-Regelungen im Gerätehaus: Das klingt banal, entscheidet aber im Alltag darüber, ob sich jemand willkommen fühlt oder geduldet. Wer ein Gerätehaus modernisiert, sollte Umkleiden von Anfang an mitdenken.
Vereinbarkeit mit Familie
Übungsdienst am Abend, Lehrgänge am Wochenende, Einsätze rund um die Uhr — das kollidiert mit Sorgearbeit, die in vielen Familien noch immer überwiegend bei Frauen liegt. Wehren, die Dienstzeiten flexibel denken und Kinderbetreuung beim Übungsdienst mitorganisieren, senken diese Hürde messbar.
Fehlende Vorbilder in Führungsfunktionen
Wo keine Frau Gruppenführerin, Zugführerin oder Wehrführerin ist, fehlt jungen Frauen das Signal, dass Führung für sie erreichbar ist. Der Kreis schließt sich erst, wenn Qualifizierung aktiv angeboten wird — nicht erst, wenn jemand danach fragt.
Zehn Maßnahmen, die ihr konkret anstoßen könnt
- Zahlen anschauen: Wie viele Frauen und Mädchen hat eure Wehr in KF, JF und Einsatzabteilung? Wo genau reißt die Linie ab? Ohne Ist-Stand keine Strategie.
- Übergänge persönlich begleiten: Jedes Mädchen, das die Jugendfeuerwehr altersbedingt verlässt, bekommt ein persönliches Gespräch mit der Wehrführung — nicht nur einen Termin zur Übergabe.
- PSA in passenden Größen beschaffen: Beim nächsten Beschaffungslauf Größen für alle Körpertypen einplanen und vorhandene Ausrüstung ehrlich prüfen.
- Umkleidesituation klären: Auch ohne Anbau lassen sich Zeitfenster, Raumteiler oder klare Regelungen finden. Wichtig ist, dass es geregelt ist und nicht improvisiert.
- Verhaltenskodex beschließen: Kurz, klar, von der Mitgliederversammlung getragen. Die DFV-Fachempfehlung von 2025 liefert die fachliche Grundlage.
- Dienstzeiten hinterfragen: Muss jeder Dienst um 19:30 Uhr starten? Ein Dienst am Samstagvormittag mit Kinderbetreuung erreicht andere Menschen.
- Frauen aktiv für Lehrgänge vorschlagen: Gruppenführerinnen entstehen nicht von selbst, sondern durch gezielte Ansprache und Lehrgangsplanung.
- Sichtbarkeit schaffen: Auf Website und Social Media echte Kameradinnen aus der eigenen Wehr zeigen, nicht Symbolbilder.
- Quereinsteigerinnen ansprechen: Nicht nur die 18-Jährigen aus der JF, auch die 35-jährige Nachbarin. Die Truppausbildung steht allen offen.
- Netzwerke nutzen: Landes-Frauensprecherinnen und das Netzwerk Feuerwehrfrauen beraten kostenlos, wie andere Wehren dieselben Probleme gelöst haben.
Ansprechpartnerinnen und Netzwerke
Für den Einstieg müsst ihr das Rad nicht neu erfinden:
- DFV-Fachbereich Frauen: bundesweite Fachempfehlungen, Projektarbeit und die Vernetzung der Frauensprecherinnen aller Landesverbände.
- Netzwerk Feuerwehrfrauen: Austausch von Feuerwehrfrauen für Feuerwehrfrauen, vom DFV als zentrale Anlaufstelle genannt.
- Frauensprecherinnen der Landesfeuerwehrverbände: regionale Ansprechpartnerinnen für konkrete Fragen vor Ort.
Häufige Fragen
Wie hoch ist der Frauenanteil in der Freiwilligen Feuerwehr?
Nach der DFV-Statistik lag er zum 31.12.2022 bei 11,93 Prozent — das waren 122.624 Frauen in den Einsatzabteilungen der Freiwilligen Feuerwehren. In der Jugendfeuerwehr liegt der Mädchenanteil mit rund 31 Prozent deutlich höher, in den Kindergruppen bei etwa 38 Prozent.
Warum verliert die Feuerwehr Frauen beim Übergang in die Einsatzabteilung?
Weil in dieser Lebensphase Ausbildung, Studium und Familiengründung zusammenkommen — und weil Kultur, Ausstattung und Vereinbarkeit in manchen Wehren eher auf die Stammbesatzung als auf neue Zielgruppen ausgelegt sind. Der Anteil fällt von rund 31 Prozent in der JF auf unter 12 Prozent in der Einsatzabteilung.
Gibt es offizielle Unterstützung für Wehren, die mehr Frauen gewinnen wollen?
Ja. Der DFV unterhält einen Fachbereich Frauen mit Frauensprecherinnen in den Landesverbänden und hat 2025 eine Fachempfehlung zur Prävention sexualisierter Diskriminierung veröffentlicht. Dazu kommt das Netzwerk Feuerwehrfrauen als bundesweite Austauschplattform.
Brauchen Frauen eine andere Ausbildung als Männer?
Nein. Truppausbildung, Atemschutz, Maschinist, Führungslehrgänge — die Ausbildungswege sind identisch. Unterschiede gibt es höchstens bei der persönlichen Schutzausrüstung, die in passenden Größen vorhanden sein muss.
Fazit
Die Feuerwehr hat kein Nachwuchsproblem bei Mädchen — sie hat ein Halteproblem bei Frauen. Die Zahlen zeigen den Knick klar: 38 Prozent in der Kinderfeuerwehr, 31 Prozent in der Jugendfeuerwehr, keine 12 Prozent in der Einsatzabteilung. Wer diesen Trichter abdichten will, braucht keine Kampagne aus dem Lehrbuch, sondern gepflegte Übergänge, passende Ausrüstung, klare Regeln gegen dumme Sprüche und Führungskräfte, die Frauen aktiv fördern. Jede einzelne Maßnahme oben funktioniert auch in einer 30-Personen-Wehr.
Quellen
- DFV-Statistik (Mitglieder- und Frauenzahlen, Stand 31.12.2022/2023): feuerwehrverband.de/presse/statistik
- DFV-Meldung vom 12.05.2026 (DJF-Nachwuchszahlen zum 31.12.2025 inkl. Mädchenanteile): feuerwehrverband.de
- DFV-Fachbereich Frauen (Aufgaben, Fachempfehlung 2025, Netzwerk Feuerwehrfrauen): feuerwehrverband.de/fachliches/fb/fb-frauen
- DJF-Jahresstatistik (Kinder- und Jugendfeuerwehrzahlen): jugendfeuerwehr.de/service/statistik
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