KI & Drohnen bei der Feuerwehr – was heute schon im Einsatz ist
Ein Dachstuhlbrand, dichter Rauch, unübersichtliche Lage. Die Einsatzleitung muss entscheiden, ohne zu wissen, was sich hinter der Rauchwand abspielt. Oder die stundenlange Suche nach Glutnestern, bei der ihr jeden Quadratmeter einzeln abgrasen müsst. Genau solche Situationen verändern sich gerade, und das nicht in der Theorie: Drohnen und Künstliche Intelligenz sind bei deutschen Feuerwehren bereits im Regeleinsatz. Dieser Artikel zeigt euch, was konkret funktioniert, wer es einsetzt und welche Auswirkungen das auf eure Feuerwehrverwaltung hat.
Drohnen im Feuerwehreinsatz – eure fliegenden Augen
Drohnen liefern Echtzeitbilder aus der Vogelperspektive, erkennen Glutnester per Wärmekamera und können Personen in unzugänglichem Gelände aufspüren, ohne dass Kameradinnen oder Kameraden gefährdet werden. Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) hat dazu gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) am 14. August 2025 die Fachempfehlung „Drohnen und UAV in den Feuerwehren" veröffentlicht. Sie gibt Feuerwehren auf zwölf Seiten Orientierung bei Beschaffung, Ausbildung und Einsatz und ordnet die rechtlichen Rahmenbedingungen ein.
Drohnen-Einsatzmatrix: Typen und Anwendungsgebiete
Welche Drohne für welchen Einsatz? Diese Tabelle gibt euch einen Überblick:
| Einsatzart | Drohnentyp | Sensorik | Nutzen | Typische Flugdauer |
|---|---|---|---|---|
| Brandstellenüberwachung | Multicopter (z.B. DJI Matrice 350) | Wärmebildkamera, RGB-Kamera | Echtzeit-Lagebild für die Einsatzleitung, Erkennung von Brandherden hinter Wänden | 30-45 Min. |
| Glutnester-Suche | Multicopter mit Wärmebild | Hochauflösende Infrarotkamera | Zuverlässige Lokalisierung verdeckter Glutnester bei Nachlösch- und Waldbrandeinsätzen | 30-45 Min. |
| Personensuche | Multicopter oder Starrflügler | Wärmebildkamera, Lautsprecher, Scheinwerfer | Großflächige Suche bei Nacht oder in unwegsamem Gelände, deutlich schneller als Bodensuche | 20-60 Min. |
| Gefahrgut-Erkundung | Multicopter (explosionsgeschützt) | Gassensoren, Kamera | Erkundung kontaminierter Bereiche ohne Gefährdung von Einsatzkräften | 20-30 Min. |
| Wald- und Flächenbrand | Starrflügler-Drohne | Multispektral-Kamera, IR | Überwachung großer Flächen, Früherkennung von Brandausbreitung | 60-120 Min. |
| Hochwasserlage | Multicopter | RGB-Kamera, Laser-Scanner | Schadensübersicht, Identifikation eingeschlossener Personen, Deichkontrolle | 30-45 Min. |
Praxisbeispiele aus Deutschland
Feuerwehr Jever: Glutnester unter der Photovoltaikanlage
Bei einem Hausbrand im Ibenweg in Jever brannte es auf einem Wohnhausdach unter einer PV-Anlage. Von außen sah es so aus, als wären alle Feuer gelöscht. Doch die Drohne mit Wärmebildkamera zeigte weitere aktive Glutnester unterhalb der Anlage, die mit bloßem Auge nicht erkennbar waren. Der gezielte Löscheinsatz konnte dadurch deutlich präziser und sicherer durchgeführt werden.
ADELE-Projekt Rostock: Automatisierte Drohne aus der Leitstelle
Im Forschungsprojekt ADELE (Automatisierter Drohneneinsatz aus der Leitstelle) erproben das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Vodafone, Frequentis und die Berufsfeuerwehr Rostock automatisiert startende 5G-Drohnen. Nach Eingang eines Notrufs startet die Drohne selbsttätig vom nächstgelegenen Standort und überträgt hochauflösende optische und Wärmebild-Livedaten über das Mobilfunknetz direkt in die Leitstelle, noch bevor die Einsatzkräfte eintreffen. Das DLR beschreibt als Ziel, das Lagebild deutlich früher verfügbar zu machen und Einsatzentscheidungen zu beschleunigen.
Landkreis Ravensburg: Drohnengruppen im Regelbetrieb
Im Landkreis Ravensburg sind zwei Drohnen dauerhaft in Bereitschaft: Eine bei der Feuerwehr Baindt für den westlichen Teil, eine zweite in Wangen im Allgäu für den östlichen Teil des Kreises. Die Drohnengruppen werden bei Brand- und Sucheinsätzen im gesamten Landkreis alarmiert. Das Modell zeigt, wie kleinteilige freiwillige Feuerwehren den Drohneneinsatz durch kreisweite Kooperation realisieren.
Künstliche Intelligenz im Feuerwehrwesen
Feuerwehr München: KI-Lagebeurteilung bei der UEFA EURO 2024
An den Spieltagen der UEFA EURO 2024 testete die Feuerwehr München die Softwareplattform "INspectre – Crowd Information Platform", die in Kooperation mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr entwickelt wurde. Die Plattform wertet öffentlich zugängliche Social-Media-Daten nach definierten Keywords und Ortsmarken aus und nutzt KI-gestützte Bild-zu-Text-Erkennung. Die Einsatzkräfte konnten damit aufkommende Gefahrenlagen früher erkennen, noch bevor Notrufe eingingen.
Westfälische Hochschule und ARGUS: KI erkennt Brände in Drohnenbildern
Ein Forschungsteam der Westfälischen Hochschule unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Hartmut Surmann hat das KI-System ARGUS entwickelt. Das auf tiefen neuronalen Netzen (Deep Neural Networks) basierende System erkennt automatisch Brände, Personen und Fahrzeuge in Drohnenbildern aus der Vogelperspektive und macht diese Informationen für Einsatzkräfte nutzbar, ohne dass dafür ein Spezialist nötig ist. Das Deutsche Rettungsrobotik-Zentrum (DRZ) hat gemeinsam mit der Feuerwehr Dortmund ein spezielles Einsatzfahrzeug („RobLW") mit der Software ausgerüstet und bietet anderen Feuerwehren Schulungen an. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Ziel ist eine schnellere Lagebeurteilung bei Flächenbränden.
KI-Anwendungsmatrix für die Feuerwehr
| KI-Anwendung | Einsatzbereich | Funktionsweise | Reifegrad | Konkreter Nutzen |
|---|---|---|---|---|
| Lagebild-KI (ARGUS) | Einsatzleitung | Automatische Klassifikation von Bränden, Personen und Fahrzeugen in Drohnenbildern per Deep Learning | Forschung/Pilot (Westfälische Hochschule, DRZ, Feuerwehr Dortmund) | Schnellere Lagebeurteilung bei Flächenbränden |
| Social-Media-KI | Öffentliche Lagen | KI-gestützte Auswertung öffentlicher Posts nach Keywords und Ortsmarken | Pilotphase (Feuerwehr München, UEFA EURO 2024) | Frühere Erkennung aufkommender Gefahrenlagen |
| Bilderkennung im Einsatz | Brandbekämpfung | KI-gestützte Wärmebildanalyse zur Erkennung von Glutnestern und Gefahrenquellen | Verfügbar | Höhere Sicherheit, schnellere Nachlöscharbeiten |
| Predictive Maintenance | Fahrzeug- und Gerätewartung | Analyse von Betriebsdaten zur Vorhersage von Wartungsbedarf und Ausfällen | Verfügbar | Weniger ungeplante Ausfälle, optimierte Wartungsintervalle |
| Notruf-Assistenten | Leitstelle | Automatische Sprachanalyse, Übersetzung und Priorisierung eingehender Notrufe | Pilotphase | Schnellere Bearbeitung, Sprachbarrieren abbauen |
Predictive Maintenance – vorausschauende Wartung
Eine KI-Anwendung, die heute schon direkt eingesetzt werden kann: Sensoren an Pumpen, Motoren und Getrieben liefern kontinuierlich Betriebsdaten. Analysesysteme erkennen Anomalien, bevor etwas ausfällt. Zeigen die Drucksensoren eurer Feuerwehrpumpe minimale Abweichungen, schlägt das System frühzeitig Alarm. Ihr plant die Wartung, statt dass die Pumpe im Einsatz versagt.
Für eure Feuerwehr Verwaltungssoftware bedeutet das: Wartungspläne werden dynamisch, Prüfintervalle passen sich an die tatsächliche Belastung an und der Verwaltungsaufwand für die Fahrzeug- und Geräteverwaltung sinkt.
Rechtliche Rahmenbedingungen für Drohnen
Wer Drohnen im Feuerwehrdienst einsetzen möchte, muss sich mit der EU-Drohnenverordnung (EU 2019/947) und den nationalen Regelungen auseinandersetzen.
Wesentliche Rechtsgrundlagen
EU-Drohnenverordnung: Die Durchführungsverordnung (EU) 2019/947 gilt EU-weit bereits seit 2020 (in der Praxis ab Anfang 2021). Zum 1. Januar 2024 endete lediglich die mehrfach verlängerte Übergangsfrist für Bestandsdrohnen ohne C-Klassen-Kennzeichnung, seither greifen die Regeln ohne Ausnahmen. Die Verordnung unterscheidet drei Kategorien: Open, Specific und Certified. Feuerwehrdrohnen fallen je nach Gewicht und Einsatzszenario in die Kategorien Open oder Specific.
BOS-Privilegierung: Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) genießen bestimmte Erleichterungen. Ihr könnt unter bestimmten Voraussetzungen auch in Flugbeschränkungszonen operieren und von Genehmigungspflichten befreit sein, wenn der Einsatz der Gefahrenabwehr dient.
Fernpilotenlizenz: Jeder Drohnenpilot bei euch benötigt mindestens den EU-Kompetenznachweis (Online-Prüfung) für die Kategorie Open. Für schwerere Drohnen oder Einsätze in der Kategorie Specific ist ein EU-Fernpilotenzeugnis (Präsenzkurs mit Prüfung) erforderlich.
Versicherungspflicht: Jede Drohne muss haftpflichtversichert sein. Viele kommunale Versicherer bieten inzwischen spezielle Tarife für Feuerwehrdrohnen an.
Datenschutz: Drohnen mit Kameras erzeugen personenbezogene Daten. Die DSGVO ist zu beachten, wobei im Einsatzfall in der Regel das öffentliche Interesse überwiegt. Mehr dazu in unserem Artikel DSGVO und Datenschutz bei der Feuerwehr.
Checkliste für Feuerwehren
Wenn ihr Drohnen einsetzen möchtet, beachtet folgende Punkte:
- Betreiberregistrierung beim Luftfahrt-Bundesamt (LBA)
- Ausbildung und Lizenzierung der Fernpiloten
- Erstellung einer Standardeinsatzregel (SER) für Drohneneinsätze
- Abschluss einer Haftpflichtversicherung für den Drohnenbetrieb
- Erstellung eines Datenschutzkonzepts für Drohnenaufnahmen
- Regelmäßige Wartung und Dokumentation der Drohnentechnik
- Abstimmung mit der zuständigen Luftfahrtbehörde bei Einsätzen nahe Flughäfen
Was bedeutet das für eure Verwaltung?
Die Einführung von Drohnen und KI-Systemen ist nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Herausforderung. Jede neue Technologie erzeugt neue Verwaltungsaufgaben.
Personalverwaltung: Drohnenpiloten benötigen spezielle Lizenzen und regelmäßige Auffrischungsschulungen. Eure Verwaltungssoftware muss diese Qualifikationen erfassen, Ablaufdaten überwachen und rechtzeitig an fällige Verlängerungen erinnern. Das ist ein konkretes Beispiel dafür, wie die digitale Mitgliederverwaltung durch neue Technologien an Bedeutung gewinnt.
Geräteverwaltung: Drohnen sind technische Geräte, die regelmäßig gewartet, geprüft und dokumentiert werden müssen. Batterieladezyklen, Firmware-Updates, Kalibrierungen und Schadensmeldungen müssen lückenlos erfasst werden.
Einsatzdokumentation: Jeder Drohnenflug muss dokumentiert werden: Flugdauer, Flughöhe, eingesetzte Sensorik, beteiligte Piloten und gewonnene Erkenntnisse. Diese Daten müssen in die Einsatzdokumentation integriert werden.
Ausbildungsplanung: Die Ausbildung von Drohnenpiloten erfordert eine strukturierte Planung. Lehrgänge, Übungsflüge und Rezertifizierungen müssen im Dienstplan berücksichtigt werden. Eine gute Dienstplanung wird damit noch wichtiger.
Datenschutz und Compliance: Drohnenaufnahmen unterliegen strengen Datenschutzanforderungen. Die Verwaltungssoftware muss Zugriffsrechte steuern, Löschfristen einhalten und Nachweise für Audits bereitstellen können.
Warum analoge Verwaltung nicht mehr funktioniert
Wer noch mit Excel-Listen und Papierordnern arbeitet, kann die organisatorischen Anforderungen von Drohnen kaum bewältigen. Welcher Pilot hat wann welche Lizenz erneuert? Wann fand die letzte Drohnenwartung statt? Wie viele Flugstunden hat jede Drohne? Sind alle Versicherungen aktuell? In einer Excel-Tabelle ist das machbar, solange ihr eine Drohne und zwei Piloten habt. Sobald die Komplexität steigt, braucht ihr ein System, das mitdenkt. Wie der Vergleich von Verwaltungslösungen zeigt, ist der Umstieg auf spezialisierte Software hier entscheidend.
Herausforderungen und Hürden
Kosten: Professionelle Drohnen mit Wärmebildkamera kosten zwischen 5.000 und 30.000 Euro. Dazu kommen laufende Kosten für Wartung, Versicherung und Ausbildung. Das Modell aus dem Landkreis Ravensburg zeigt einen Ausweg: Kreisweite Kooperationen reduzieren die Kosten pro Wehr erheblich. Hier lohnt sich außerdem ein Blick auf mögliche Förderungen und Zuschüsse.
Ausbildung: Die Bedienung von Drohnen erfordert spezielles Wissen, das über die klassische Feuerwehrausbildung hinausgeht. Es müssen genügend Kameradinnen und Kameraden gefunden und ausgebildet werden.
Technische Zuverlässigkeit: Drohnen sind wetterabhängig und haben begrenzte Flugzeiten. KI-Systeme können Fehlentscheidungen treffen, wenn die Datenlage dünn ist. Beide Technologien sind Werkzeuge, keine Wundermittel.
Infrastruktur: Für KI-gestützte Systeme wie ARGUS oder INspectre ist eine stabile Dateninfrastruktur erforderlich. Schnelle Internetverbindungen sind eine Voraussetzung, die nicht in jeder Gemeinde gegeben ist.
Häufige Fragen
Braucht jeder Drohnenpilot bei der Feuerwehr einen Schein?
Ja. Für die Kategorie Open genügt der EU-Kompetenznachweis (Online-Prüfung), für anspruchsvollere Einsätze in der Kategorie Specific das EU-Fernpilotenzeugnis. Der DFV empfiehlt in seiner Fachempfehlung zusätzlich mindestens den EU-Kompetenznachweis A2 oder eine gleichwertige Qualifikation.
Dürfen Feuerwehrdrohnen einfach in Flugbeschränkungszonen fliegen?
Nicht pauschal. Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) genießen zwar Erleichterungen und dürfen in bestimmten Gefahrenabwehr-Szenarien ohne vorherige Genehmigung starten. Der DFV rät aber ausdrücklich dazu, solche Ausnahmen erst nach sorgfältiger Risiko- und Sicherheitsbewertung zu nutzen, da weiterhin europäisches und nationales Luftrecht gilt.
Seit wann gilt die EU-Drohnenverordnung?
Die Durchführungsverordnung (EU) 2019/947 gilt EU-weit seit 2020, in der Praxis ab Anfang 2021. Der 1. Januar 2024 markierte nicht den Beginn der Regeln, sondern das Ende der Übergangsfrist für ältere Drohnen ohne C-Klassen-Kennzeichnung.
Was kostet eine Feuerwehrdrohne mit Wärmebildkamera?
Professionelle Modelle liegen je nach Ausstattung etwa zwischen 5.000 und 30.000 Euro, dazu kommen laufende Kosten für Wartung, Versicherung und Ausbildung. Kreisweite Kooperationen wie im Landkreis Ravensburg senken die Kosten pro Wehr deutlich.
Fazit
Drohnen und KI sind bei deutschen Feuerwehren keine Zukunftsmusik mehr. Die Feuerwehr Jever nutzt Wärmebilddrohnen zur Glutnestersuche, in Rostock erprobt das DLR-Projekt ADELE automatisiert aus der Leitstelle startende Drohnen, und die Westfälische Hochschule hat mit dem DRZ und der Feuerwehr Dortmund ein KI-System entwickelt, das Brände in Drohnenbildern automatisch erkennt. Der DFV hat dazu 2025 gemeinsam mit der AGBF eine eigene Fachempfehlung herausgegeben.
Doch Technologie allein reicht nicht. Ohne strukturierte Verwaltung, klare Prozesse und eine leistungsfähige Feuerwehrverwaltung lässt sich das Potenzial nicht ausschöpfen. Die Verwaltung muss neue Gerätekategorien erfassen, Qualifikationen tracken, Einsätze lückenlos dokumentieren und Compliance-Anforderungen erfüllen.
Feuerwehren, die jetzt in Digitalisierung und moderne Verwaltungswerkzeuge investieren, schaffen die organisatorische Grundlage für den nächsten Schritt.
Mit FWVS - Feuerwehr-Verwaltungssystem schafft ihr genau diese Grundlage: Von der Mitgliederverwaltung über die Einsatzdokumentation bis zur Geräteprüfung mit Qualifikations-Tracking für Drohnenpiloten.
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