Gruppenregeln mit Kindern entwickeln: eine 60-Minuten-Werkstatt
Regeln halten besser, wenn Kinder sie mit ausgedacht haben und vormachen können. Die Sicherheitsgrenzen setzen die Erwachsenen. Innerhalb dieser Grenzen entscheiden die Kinder mit. Die Werkstatt unten ist für Gruppen im Grundschulalter gedacht und endet mit drei bis fünf Regeln auf einem Plakat und einem Termin, an dem ihr sie überprüft.
Vorher festlegen, was entschieden werden darf
Die DJF versteht Beteiligung als echte Mitbestimmung und sagt, dass Beteiligung sich nicht in formalen Strukturen oder bloßen Mehrheitsentscheidungen erschöpft. Eine Abstimmung, deren Ergebnis schon feststeht, ist Scheinbeteiligung. Sagt den Kindern deshalb gleich zu Beginn, was nicht verhandelbar ist: Fahrzeuge und Geräte fasst niemand ohne Erlaubnis an, Kinder verlassen die Gruppe nur nach Absprache, und bei Gefahr rufen die Betreuenden „Stopp“.
Frei entscheiden dürfen die Kinder zum Beispiel, wie Material verteilt wird, wer in welcher Reihenfolge dran ist oder wie Fragen gesammelt werden.
Schreibt die festen Sicherheitsregeln vorher für das Betreuerteam auf und prüft, ob ihr jede einem Kind erklären könnt. „Weil ich es sage“ überzeugt weniger als „Die Schere kann jemanden verletzen“.
Material
- drei gezeichnete Alltagsszenen: zwei Kinder ziehen an derselben Schere, ein Kind wird beim Erzählen unterbrochen, Taschen liegen mitten auf dem Laufweg
- große Papierkarten und dicke Stifte
- ein Bogen Packpapier für das Plakat
- ein Stoppsignal, das ihr schon kennt, zum Beispiel eine erhobene Hand
Auf den Bildern kommen keine echten Namen vor und kein Streit, der in eurer Gruppe wirklich passiert ist. Sonst wird ein Kind bloßgestellt.
Eine Person moderiert, eine zweite schreibt mit und hilft. Wer die Aufsicht über die ganze Gruppe hat, ist vorher geklärt.
Ablauf
| Zeit | Aufgabe | Ergebnis |
|---|---|---|
| 0–10 | Rahmen erklären: was ist fest, was dürfen wir ändern? | Kinder wissen, worüber sie entscheiden |
| 10–25 | Drei Szenen ansehen und besprechen | Wünsche der Kinder gesammelt |
| 25–35 | Gewünschtes Verhalten vormachen | Handlungen statt Schlagwörter |
| 35–45 | Regeln auswählen | drei bis fünf Regeln auf dem Plakat |
| 45–55 | Regeln in kleinen Spielen ausprobieren | unklare Formulierungen geändert |
| 55–60 | Termin zur Überprüfung festlegen | in zwei Treffen schauen wir wieder hin |
Bei jüngeren Kindern reichen zwei Szenen. Dann bleibt mehr Zeit zum Vormachen.
Schritt 1: Beschreiben ohne Beschuldigen
Zeigt die Scherenszene und fragt: „Was seht ihr?“ Die Kinder sagen erst nur, was auf dem Bild passiert. Dann fragt ihr: „Was würde hier helfen?“ Schreibt jeden Vorschlag auf, ohne ein Kind als Schuldigen zu behandeln. Wer nicht sprechen möchte, darf zeichnen oder zeigen. Wiederholt den Vorschlag mit euren Worten und fragt: „Habe ich dich richtig verstanden?“
Schritt 2: Aus Wünschen werden Handlungen
„Seid nett“ kann niemand beobachten. „Wir fragen, bevor wir jemandem etwas wegnehmen“ kann man vormachen. Zwei Freiwillige spielen die Lösung vor, die anderen sagen, woran sie erkannt haben, dass die Regel eingehalten wurde.
Weitere Beispiele: „Taschen kommen an den Taschenplatz.“ „Wer etwas sagen will, hebt die Hand und wartet.“ „Beim Stoppsignal bleiben wir stehen.“ Für Kinder, die noch nicht lesen, zeichnet ihr zu jeder Regel ein kleines Bild.
Schritt 3: Auswählen, ohne Minderheiten zu überstimmen
Wählt drei bis fünf Regeln aus. Das ist eine Faustregel aus der Praxis: Mit mehr Regeln sind Kinder im Grundschulalter schnell überfordert.
Statt „Wer ist dafür?“ fragt ihr bei jeder Regel: „Kannst du damit leben?“ Die Kinder zeigen den Daumen nach oben (gut), zur Seite (geht so) oder nach unten (das ist ein Problem für mich). Bei einem Daumen nach unten fragt ihr nach: „Was stört dich?“ Dann ändert die Gruppe die Formulierung, bis niemand mehr einen Daumen nach unten zeigt. So wird ein Vorschlag, den nur wenige Kinder brauchen, nicht einfach überstimmt.
Die Sicherheitsregeln stehen nicht zur Wahl. Gilt eine Regel nicht für alle, etwa „Alle machen bei jedem Spiel mit“, weil ein Kind Pausen braucht, erklärt ihr das offen und bietet dem Kind eine andere Möglichkeit an.
Schritt 4: Testen statt nur unterschreiben
Spielt eine Materialverteilung nach: Eine Karte liegt auf dem Tisch, zwei Kinder wollen sie haben. Hilft die Regel? Wenn nicht, ergänzt einen Ablauf, zum Beispiel abwechseln, eine zweite Karte holen oder eine andere Aufgabe wählen.
Übt auch das Stoppsignal beim Gehen durch den Raum. Dafür braucht ihr weder Alarmtöne noch Rennen. Hängt das Plakat danach gut sichtbar auf. Unterschriften der Kinder sind höchstens ein hübscher Rand. Sie ersetzen weder Verständnis noch Aufsicht.
Wenn eine Regel nicht eingehalten wird
Eine gefährliche Handlung stoppt ihr sofort. Bei gewöhnlichem Streit beschreibt ihr, was ihr seht, und fragt, welche vereinbarte Handlung jetzt hilft. Beschimpfen, öffentliche Strafen und Ausschluss für den Rest des Abends lösen nichts.
Scheitert dieselbe Regel immer wieder, schaut auf die Bedingungen: Fehlt Material, ist der Wechsel unklar, ist zu wenig Platz? Einen Ablauf für Streit findet ihr in Streit in der Kinderfeuerwehr. Bei Gewalt oder dem Verdacht, dass ein Kind gefährdet ist, gelten die dortigen Schritte zum Kinderschutz, keine Regelrunde.
Nach zwei Treffen nachprüfen
Fragt: Welche Regel hilft uns? Welche verstehen wir nicht? Was ändern wir? Überarbeitet das Plakat sichtbar vor den Kindern und erzählt den Eltern kurz, was vereinbart wurde. Beteiligung hört mit dem Plakat nicht auf.
Zum Weiterlesen: Gruppenführung in der Kinderfeuerwehr und der Jahresthemenplan, in dem ihr solche Beteiligungsstunden fest einplant.